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Seit über 170 Jahren ist der Fundplatz „Zethlinger Mühlenberg“ in Fachkreisen ein
Begriff. Aber bereits bevor Johann Friedrich Danneil, Rektor des
Salzwedeler Gymnasiums und bedeutender Urgeschichtsforscher, in den
1820er Jahren Urnenfunde vom Mühlenberg meldete, sind in Zethlinger
Kirchenbüchern Berichte von „Totentöpfen“, die beim Kiesabbau am
Mühlenberg entdeckt worden waren, niedergeschrieben worden. In der
Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es insbesondere der
Gymnasialprofessor Karl Gaedcke aus Salzwedel, der in mehreren
Grabungskampagnen zusammen mit Mitgliedern des in Salzwedel
ansässigen „Altmärkischen Vereins für Vaterländische Geschichte“ auf
dem Mühlenberg ausgrub und dabei die täglichen Grabungsergebnisse in
seinen Tagebüchern festhielt.
1958- 62 wurde unter der Leitung Klaus Nuglischs von der Martin-
Luther Universität Halle/ Wittenberg der Kantenbereich, des noch
immer als Kiesgrube genutzten Mühlenberges, ausgegraben. Da bei
diesen Grabungen über 250 Gräber entdeckt wurden, stellte man
daraufhin den Berg unter Denkmalschutz und verbot den weiteren
Kiesabbau. Seit Mitte der 1970er Jahre wurden große Teile des
Mühlenberges unter der Leitung von Rosemarie Leineweber vom Johann-
Friedrich- Danneil- Museum mit Hilfe von Schülern,
Bodendenkmalpflegern und Studenten weiter ausgegraben. Diese
Grabungen sind 1993 eingestellt worden. Zwischen 1993 und 2000
konnten lediglich Notgrabungen durchgeführt werden. Erst seit dem
Beginn größerer Ausbauarbeiten in der Langobardenwerkstatt im Jahre
2001, finden wieder regelmäßige Ausgrabungen auf dem Mühlenberg
statt.
Seitdem werden in den Sommermonaten die Grabungen durch das
Museum Salzwedel zusammen mit Studenten der Universität Magdeburg
oder mit Schülern der Gymnasiums Osterburg durchgeführt. Bis zum
Ende des Jahres 2006 konnten etwa 1850 Brandgräber erfasst werden.
Da ein großer Teil des Areals noch nicht untersucht ist und eine
unbekannte Anzahl von Gräbern entweder dem früheren Kiesabbau oder
auch Raubgräbern zum Opfer gefallen sind, ist aber mit einer weit
größeren Anzahl von Gräbern zu rechnen.
Seit 1979/ 80 wurden neben dem Brandgräberfeld auch Teile einer
Siedlung, die ca. 1km nordöstlich entfernt lag sowie ein
Eisenverhüttungsplatz am südwestlichen Hang des Mühlenberges
erforscht.
Der Mühlenberg als Friedhof
Im Laufe der gesamten Menschheitsentwicklung veränderten sich sowohl
die Bestattungssitten als auch die Grabformen häufig. So ging man
seit dem Ende der Jungsteinzeit (um ca. 2500 v. Chr.) in unserer
Gegend von der vorher üblichen Körperbestattung der Verstorbenen zur
Brandbestattung über. Spätestens in der mittleren Bronzezeit um 1500
v.Chr. hatte sich dieser Brauch dann allgemein durchgesetzt und erst
während der Völkerwanderungszeit um 400- 500 n.Chr. ging man bei der
germanischen Bevölkerung wieder dazu über, die Toten unverbrannt und
in Särgen zu bestatten. Zeitweise bestanden beide Bestattungssitten
auch nebeneinander. Ab der Mitte der Bronzezeit wurden die
Brandgräberfelder immer größer. In der Bronze- und frühen Eisenzeit
gehörten zu den einzelnen Gräbern oft verschiedene Gefäße und
Gefäßreste. Wurden die Urnen anfangs noch mit Deckgefäßen zugedeckt,
so besaßen die Gräber der spätrömischen Kaiserzeit so auch die in
Zethlingen in der Regel keine nachweisbaren Abdeckungen mehr. In
ganz wenigen Fällen gab es Ausnahmen von dieder Regel, d.h. einige
Gefäße waren mit Steinplatten zugedeckt gewesen. Meist wurden aber
die Urnen einzeln, frei und ohne Steinschutz in den Boden gestellt,
lediglich über den Gefäßen war in vielen Fällen eine Abdeckung oder
Kennzeichnung durch mittelgroße Feldsteine vorhanden.
Die Brandbestattung ist für den Zethlinger Mühlenberg die bisher
einzig nachweisbare Bestattungsform. Zu ungefähr 90 % wurden die
Überreste der Toten auf dem Mühlenberg in Grabgefäßen aus Keramik,
den „Urnen“ beigesetzt. Abnutzungsspuren auf vielen Gefäßböden
deuten darauf hin, dass diese bereits vor der Beisetzung in Gebrauch
gewesen waren. Etwa 10% der Bestatteten wurden in organischen
Behältern beigesetzt. Neuere Untersuchungen haben erbracht, dass in
einigen Gräbern Tiere oder Teile von (Opfer ?)Tieren bestattet
wurden. Es gibt sogar einige Urnen in denen nur tierischer
Leichenbrand vorhanden ist. Dabei handelte es sich hauptsächlich um
Pferde- oder Rinderbestattungen.
Die Toten wurden in ihrer Tracht auf einem Scheiterhaufen, der
Ustrine, verbrannt. Danach sammelte man den Leichenbrand ein und
legte ihn, häufig zusammen mit Trachtbestandteilen, den sogenannten
Beigaben, in die Urne. Niemals kam der vollständige Leichenbrand des
Toten in das Gefäß, es fand eine Auswahl statt. Oft wurden auch
Beigaben mit ins Grab gelegt, die nachweislich nicht im Feuer
gelegen haben.
Die Urne wurde vergraben und oberirdisch gekennzeichnet. Das geschah
entweder mittels einer Steinsetzung oder aber durch Holzpfosten o.ä.,
die heute nicht mehr nachzuweisen sind. Der Mühlenberg war ein
zentraler Bestattungsplatz eines größeren Siedlungsgebietes.
Möglicherweise benutzten verschiedene Siedlungen festgelegte Plätze
zur Bestattung ihrer Toten.
Die Beigabenhäufigkeit nahm im Laufe der Belegung ab, so dass die
älteren Gräber reicher ausgestattet sind als die jüngeren. Die
häufigsten „Beigaben“ sind Fibeln, Keramik- und Glasperlen,
Spinnwirtel, Nadeln, Kämme, Messer und „Urnenharz“ aber auch
Lanzenspitzen, Schlüssel, Schildnägel und Ringe gehörten u.a. zum
Grabinventar. Die meisten metallischen Funde bestehen aus Bronze
oder Eisen. Silber wurde nur in Ausnahmefällen, reines Gold bisher
überhaupt nicht gefunden.
Aus neueren Ausgrabungsergebnissen lässt sich schlussfolgern, dass
der Friedhof wahrscheinlich wesentlich länger belegt worden war, als
bis vor kurzem noch angenommen. Auf dem Zethlinger Mühlenberg kommen
sowohl bereits frühkaiserzeitliche als auch noch
völkerwanderungszeitliche Gefäßformen vor. D. h., dass hier bereits
mindestens seit dem frühen 2. bis ins späte 5. Jh. n. Chr.,
möglicherweise sogar bis ins frühe 6. Jh., Tote verbrannt und
bestattet wurden. Die Hauptbelegungszeit des Gräberfeldes lag
allerdings zwischen dem späten 2. Jh. und dem 4. Jh. n. Chr..
1992 wurde der Leichenbrand aus 257 Gräbern anthropologisch
untersucht. In 14 dieser Gräber (0,5 %) fanden sich nur Tierknochen,
4x vom Pferd, 3x vom Rind, 4x von Rind oder Pferd, 1x von Hund oder
Wolf sowie 1x vom Rothirsch. In 77 Gräbern waren Erwachsene
bestattet worden deren Geschlecht nicht mehr identifizierbar war, in
70 Gräbern waren eher Frauen, in 55 Gräbern eher Männer bestattet.
41 Gräber waren Kindergräber (16 % der Gräber), davon waren 11
altersmäßig nicht bestimmbar; zwischen 7 und 14 Jahre alt waren 19
der bestatteten Kinder, unter 7 waren 14. Weiterhin befanden sich in
3 der Urnen Doppelbestattungen. Zweimal eher Frauen mit Kindern,
einmal eher ein Mann mit einem Kind. Einer Frau sind nicht genauer
zu bestimmende Tierknochen mit ins Grab gelegt worden. Interessant
ist, dass sich unter den Toten nur sehr wenige Jugendliche (zwischen
16 und 20 Jahre) befanden, auch die Zahl der zwischen 20 und 30
jährigen Individuen ist relativ gering. Einige der Toten sind sogar
über 60 Jahre alt geworden.
Das durchschnittliche Sterbealter der erwachsenen Frauen lag nach
diesen Untersuchungen bei etwa 43 Jahren, das der Männer bei etwa 45
Jahren. Wenn man die geschlechtlich nicht differenzierbaren Toten
(ab 16) dieser Serie dazu rechnet, sind die Zethlinger erwachsenen
Langobarden ca. 43 Jahre alt geworden, wenn sie das Kindesalter
überlebt hatten. Rechnet man aber für die gestorbenen Kinder (0- 14)
einen Mittelwert von 7 Jahren pro Kind hinzu, erhalten wir einen
Wert für die durchschnittliche Lebenserwartung der Langobarden in
Zethlingen von ca. 32,5 Jahren.
Eine gewisse Unsicherheit, neben allen anderen Unwägbarkeiten,
entsteht dadurch, dass Überreste von Kindern im Säuglingsalter nur
sehr schwer, wenn überhaupt, zu finden sind.
[^] NACH OBEN
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